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Weshalb wird Heinrich Zille als Fotograf bezeichnet?

Seit 1967 sind Fotografien bekannt, die Heinrich Zille zugeschrieben werden. Seit dem wird er immer wieder als Fotograf und in Steigerung dessen sogar als »Photograph der Moderne« bezeichnet.

Das Heinrich Zille von den Möglichkeiten der Fotografie begeistert war, kann als sicher gelten. Eine Kamera hatte er aber nie in seinem Privateigentum. Als Angestellter der »Photographischen Gesellschaft«, in der er Reproduktionen für Druckerzeugnisse herstellte, hat er sich bei seiner Firma und / oder Kollegen gelegentlich eine Kamera geliehen. Etwa 20 Jahren lang hat er sich diskontinuierlich mit dem neuen Medium beschäftigt - und dabei keineswegs einen eigenen fotografischen Stil entwickelt. Offensichtlich hat er die Fotografie als ein Mittel zur Skizzierung angesehen und aus diesen Notizen später seine ganz eigene Kunst gemacht. Es ist wahrscheinlich, aber nicht nachweisbar, daß die etwas mehr als 500 nach seinem Tod gefundenen Platten und Abzüge vom ihm belichtet wurden. Möglicherweise sind Freunden und Kollegen die wahren Urheber.

Nach seiner Entlassung bei der »Photographischen Gesellschaft« 1907 endet seine sporadische fotografische Tätigkeit etwa um 1910. Es gibt keinen Hinweis darauf, daß er danach jemals wieder einen Fotoapparat benutzt hat. Ob ihm dazu die finanziellen Möglichkeiten gefehlt haben oder ob er kein Interesse mehr daran hatte, sei dahingestellt. Wahrscheinlicher ist, daß ihm ab 1908 die Zeit dazu fehlte, da er den Unterhalt seiner Familie mit dem Verkauf von Illustrationen sichern mußte.

Kann man Heinrich Zille als Fotograf wie etwa Hermann Krone oder August Sander bezeichnen? Ist er der typische Vertreter einer ganzen Kunstrichtung, weil er zeitweise Fotos wie einen Notizblock benutzte? Weshalb hat er seine Aufnahmen so gut versteckt, daß sie erst 38 Jahre nach seinem Tod entdeckt wurden? Richtig ist, daß er uns unbewußt einige historisch sehr wertvolle Dokumente hinterlassen hat. Diese aber mit Beschreibungen wie: »... wird Zilles formalästhetische Pionierposition deutlich... sehen wir in ihm zugleich einen Fotografen von oftmals brisanter Gestaltungskraft...« zu versehen, sind verkaufsfördernde Aufblähungen. Zum Unsinn wird die Übertreibung mit folgendem: »...begnadeter (Amateur-)Photograph, der das Medium ... mit einem professionellen Aufwand und einem technischen Erfindungsreichtum ausübte, die das gestalterische Niveau zeitgenössischer Berufslichtbildner weit übertrafen.« Das sich der Verfasser dieser Darstellung jemals ernsthaft mit Fototechnik beschäftigt und die Werke zeitgenössiger Fotografen auch nur angeschaut hat, ist nach den Worten wenig glaubhaft.

Aus schlichten Erinnerungsaufnahmen mit solchen Überhöhungen Jahrzehnte später Kunst schaffen zu wollen, zeigt das hohe kommerzielle Interesse der Entdecker und Verwerter des fotografischen Nachlasses von Heinrich Zille. Der dem Künstler eigenen Sichtweise wird man damit leider in keiner Weise gerecht.

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